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„Familie ist ein Abenteuer“

  Internationaler Tag der Familie am 15. Mai
Am 15. Mai ist der Tag der Familie. Ist ein solch offizieller Gedenktag der Vereinten Nationen für die Familie noch zeitgemäß? „Ja“, findet Natalia Popp-Wilhelmy, Teamleiterin der Jugend-, Erziehungs- und Familienberatungsstelle des Caritasverbandes für Stadt und Landkreis Hildesheim: „Familie ist ein Abenteuer - heute wie früher“.  
 
Der Begriff klingt eindeutig, ist es aber gar nicht. Im Allgemeinen wird als Familie eine Lebensgemeinschaft bezeichnet, die aus mindestens zwei Generationen besteht. Und Familie gilt als wichtiges Lebensumfeld für Kinder. Was eine Gesellschaft aber genau unter Familie versteht, unterliegt einem ständigen Wandel. So sieht Familie heute ganz anders aus als noch vor 50 Jahren. 
 
Neben der klassischen Familie aus Ehepaar und Kindern werden heute auch nichtverheiratete Eltern geschlechtsgleiche Partner  oder alleinerziehende Elternteile mit den jeweiligen Kindern als Familien bezeichnet. Dabei können die Kinder leiblich, adoptiert, in Pflege oder Stiefkinder sein.
 
Früher galt der Vater als Ernährer der Familie, die Mutter war Hausfrau. Die Rollen in der Familie schienen klar. Frauen waren finanziell abhängig, Kinder sicherten die finanzielle Grundlage fürs Alter. Der Familienzusammenhalt wurde durch äußere Notwendigkeit unterstützt. Durch dörfliches Leben und die Eingebundenheit ins kirchliche Leben, hatte die Familie eine große Bedeutung für das kulturelle Leben. Kirchenfeste, Dorffeste, Hausmusik und religiöse Erziehung prägte die Familie.
 
Auch früher waren Frauen berufstätig, jedoch häufig im Betrieb des Mannes oder auf dem Hof. Heute sind sie selbstständig, emanzipiert und meist aushäusig berufstätig. Ebenso sind die Familien selbst autonomer. Der Einfluss der Verwandtschaft ist auch aufgrund höherer Mobilität reduziert. 
 
„Heute werden Ehen nicht mehr arrangiert, es bedarf nicht der Zustimmung dritter und „Muss“-Ehen sind Geschichte. Es wird aus Liebe geheiratet und die Kinder sind in der Regel Wunschkinder“, sagt Popp-Wilhelmy.  Von der Familie erwarte der moderne Mensch Verständnis, Wärme, Zuneigung, Solidarität und emotionale Unterstützung. Alles freiwillig und aus Liebe. 
 
Eine Bindung per Gesetz ist dabei nicht mehr so wichtig: Aktuell ist die Zahl der Eheschließungen eher rückläufig. Tendenziell lasse sich zudem sagen, dass Familien kleiner werden, Kinder immer häufiger unverheiratete Elternteile haben und  die Zahl der Alleinerziehenden zunimmt. 2014 lebte in Niedersachsen die Hälfte der Bevölkerung in einer  so genannten Kernfamilie aus Eltern und Kinder. Etwa 50 Prozent hatten ein Kind, nur 13 Prozent  drei oder mehr Kinder. In drei Viertel der Familien aber gab es minderjährige Kinder. Und jede 5. Familie war eine Alleinerziehendenfamilie.
 
In einer Familienberatungsstelle lässt sich gut beobachten, was Familien aktuell beschäftigt. „Väter und Mütter sehen sich in einer ständigen Zerreißprobe zwischen Familien und Beruf“, sagt die Teamleiterin. Sie müssen organisieren sowie delegieren und alles soll gut klappen.  Dabei sind die Anforderungen hoch: Nach dem Wunschkind schnell wieder schlank und sportlich sein ist ein Muss. Auch als Eltern weiter attraktiv und sexy sein ist Zeitgeist. Väter schieben stolz den Kinderwagen, wickeln und spielen mit dem Nachwuchs. Sie sind weich und verständnisvoll, aber auch kernig und kämpfen für die Familie, wenn es sein muss. Nach der Arbeit noch joggen und was für die Gesundheit zu tun sollte drin sein. Die Wohnung sollte sauber und gemütlich, aber bitte nicht steril sein.
 
Die Kinder werden zur Selbstständigkeit erzogen. Aber natürlich sollen sie gefördert werden, Musikschule und Sport ist das mindeste. Auch die schulische Entwicklung der Kinder ist wichtig - hier sehen sich Eltern gefordert, obwohl das Kind das eigentlich alleine meistern soll. Zum Kindergeburtstag gibt es ein großes Fest, mit tollen Aktionen und vielen Gästen. Auch die Kleidung muss aus den richtigen Läden kommen. „Damit haben Familien mit weniger Geld dann häufig ein Problem“, sagt Popp-Wilhelmy. Insgesamt spielt Freizeit eine immer größere Rolle, aber auch die ist kommerzialisiert. Selbstverwirklichung, die Suche nach dem Sinn des Lebens sind moderne Begriffe,  die „in“ sind. Religiosität als Sinnstifter geht zurück.
 
Falls das mit der „ewigen Liebe“ dann doch nicht gut geht, erfolgt eine freundschaftliche Trennung. Doch für das Kind sind beide immer da. So stellen Patchworkfamilien längst keine Besonderheit mehr dar. Die wiederum erfordern von Eltern erneut ganz viel Organisation. Und so bleibt Familie ein Abenteuer.